Staatskassen finanzieren von privaten
Hackergruppen gestützten Cyberkrieg
NETZPOLITIK
Staatskassen finanzieren von privaten Hackergruppen gestützten
Cyberkrieg
Die Masse an Cyberangriffen nimmt dramatisch zu – künftig wohl auch
unabhängig von Kriegen auf realen Schauplätzen
28. Februar 2023, 06:00
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Desinformation und politisch motivierte Hackerangriffe sind schon lange
nichts Neues mehr – allein die Quantität hat stark zugenommen.
Foto: Kacper Pempel/Reuters
Auch nach mehr als einem Jahr scheint kein Ende des Kriegs in der
Ukraine absehbar. Unabhängig von Artilleriefeuer und Panzerlieferungen
ist es zusätzlich der im Versteckten stattfindende Cyberwar, der sich
wohl als andauernder Kalter Krieg der Zukunft etabliert hat.
Dauerfeuer
Es herrscht digitales Dauerfeuer – sowohl auf die Ukraine als auch auf
die befreundeten Nato-Staaten. Analysen sprechen von einem Anstieg der
Cyberangriffe im aktuellen Kriegsgebiet von rund 250 Prozent im
Vergleich zum Jahr 2020. Im selben Zeitraum wurden Nato-Mitgliedsstaaten
um rund 300 Prozent häufiger Opfer prorussischer Angriffe. Die Ziele
variieren, der Fokus liegt allerdings derzeit auf Regierungs- und
Militäreinrichtungen, aber auch auf kritischer Infrastruktur,
öffentlichen Diensten und Nachrichtenmedien.
Die aktuelle Analyse "Fog of War" des US-Konzerns Google spricht von
einer "Politisierung der Angriffe". Neben den staatsnahen Geheimdiensten
sorgen vor allem private Hackergruppen für diesen quantitativen Sprung
nach oben. Speziell zu Kriegsbeginn bekannten sich viele dieser Gruppen
zu einer Kriegspartei und unterstützten diese mit Cyberangriffen auf
Infrastruktur und Kommunikationswege.
Standardisierte Hackerangriffe seien nicht neu, weiß der
Cybersicherheitsexperte Dr. Ulrich Kallausch von der österreichischen
Firma Certitude. Auch Desinformationskampagnen, wie sie von Russland in
den letzten Monaten verbreitet wurden, seien immer Teil eines Krieges
gewesen. Neu sei hingegen die Massivität und Regelmäßigkeit, mit der die
Angriffe vollzogen werden. "Mit all den Cloud-Diensten, Homeoffice und
anderen Entwicklungen ist die Oberfläche für Angriffe größer geworden",
sagt Kallausch.
Ulrich Kallausch befasst sich seit Jahren mit Cybersecurity und der
Entwicklung und Professionalisierung von Hackerangriffen.
Foto: Adrian Almasan
Gegner beschäftigen
Es handle sich um einen "dauerhaft hostilen Cyberkrieg". Es ginge bei
vielen Angriffen darum, den Gegner einfach zu "beschäftigen". Mit
Angriffen auf das Verkehrsnetz, Finanzinstitutionen oder die
Kommunikation könne man sich als Hackergruppe zudem einen Namen machen.
Der Großteil solcher Gruppen habe nämlich in den letzten Jahren eine
"Verprofessionalisierung" erfahren. Immer öfter würden Staaten tief in
die Tasche greifen, um monetäre Reize dafür zu schaffen, politisch
motivierte Angriffe durchzuführen.
Das neu im Umlauf befindliche Geld würde eine bessere Ausbildung
ermöglichen, die das Know-how dieser Gruppen schnell anwachsen lässt.
Auch die Entwicklung mit künstlicher Intelligenz würde neue
Schwierigkeiten für die "Verteidiger" bringen. Ransom- oder Spyware
könnte noch schneller modifiziert werden, was immer neue Angriffsmuster
erlauben würde. Da Hacking zudem nicht gesetzeskonform ist, würde man
den Angreifern immer hinterherhinken. "Es entsteht eine große Asymmetrie
unserer Mittel gegen das, was auf uns zukommt."
Diese Asymmetrie wird auch mittelfristig bleiben, rüstet doch etwa
Russland mit Cybersöldner-Gruppen wie Frozenlake, Puscha oder
Krymsky-Bridge massiv auf. Gerade politisch motivierte Angriffe sind
gefährlich, sind sie doch meist mit physischen Attacken koordiniert.
Möglich ist das, da die Geheimdienste der jeweiligen Länder als
Koordinator auftreten. Dabei outen sich die Cyberkrieger nicht immer als
rechter Arm eines Landes. Aufgrund der Ziele kann man aber oftmals
Zuordnungen treffen. So wurde etwa in der "FAZ" ein deutscher
Sicherheitsexperte zitiert, der einen direkten Zusammenhang zwischen der
Entscheidung der Bundesregierung, Kampfpanzer an die Ukraine zu liefern,
und der Anzahl an Attacken auf deutsche Ziele beobachtet hatte.
Eine Warnung sei gewesen, dass es sich dabei oftmals um keine "besonders
anspruchsvollen Angriffe" handelte, wie oftmals zu Kriegsbeginn in der
Ukraine. Dort seien die Cyberattacken aber immer "technisch smarter"
geworden, was die Angst beispielsweise in Deutschland gegenüber
kommenden Angriffen erhöht. Dabei muss es sich gar nicht um
zielgerichtete Angriffe handeln. Der "Viasat-Hack", bei dem offenbar
russische Hacker den gleichnamigen Kommunikationssatelliten des
US-Betreibers Viasat angegriffen hatten, hat nicht nur ukrainische Ziele
lahmgelegt, sondern auch deutsche. Die Schadsoftware breitete sich
nämlich über globale Datennetze auch auf Firmen in anderen Ländern aus.
Gefahr für Österreich
Der Experte sieht auch österreichische Firmen als Ziel solcher Angriffe.
Automatisierte Routinen würden einfach die Sicherheit von Unternehmen
scannen und dort angreifen, wo es am einfachsten ist. Man könne sich
deshalb nicht sicher sein, ob man zu "unwichtig" für einen Cyberangriff
ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass man in den nächsten Jahren Ziel eines
solchen Angriffs sein wird, liegt bei "100 Prozent". Man solle sich
deshalb auf das Worst-Case-Szenario vorbereiten, dann könne man genau
diesem vielleicht entgegenwirken. (aam, 28.2.2023)
https://www.derstandard.de/story/2000143977783/staatskassen-finanzieren-von-privaten-hackergruppen-gestuetzten-cyberkrieg