Wiener Physiker und Kollegen zeigten in Experiment,
dass maschinelles Lernen in Quantensystem schneller erfolgen kann
Der "Sycamore"-Prozessor von Googles
Quantencomputer.
Foto: Google
Das Anwendungen der Künstlichen Intelligenz (KI)
zugrunde liegende maschinelle Lernen fußt darauf, dass ein System eine
Aufgabe so oft wiederholt, bis es verlässlich zum gesuchten Ergebnis
kommt. So kann KI etwa Wörter verstehen oder Bilder erkennen. Physiker
haben nun in einem Experiment gezeigt, dass sich diese Art des Lernens
mit quantenphysikalischen Methoden verbessern lässt, weil ein System in
"Superposition" gleichzeitig verschiedene Wege nehmen kann.
Damit eine KI lernt, braucht sie Rückmeldung von
außen, ob ihr Lösungsweg durch ein Problem zum richtigen Ergebnis führt.
Damit dies bei einer komplexen Aufgabe, wie etwa dem Erkennen von
menschlichen Gesichtern auf Bildern, verlässlich der Fall ist, braucht
so ein System dementsprechend viel Training. Dementsprechend verlockend
ist die Vorstellung, sich hier des quantenmechanischen Prinzips der
"Superposition" zu bedienen. Salopp gesagt erlaubt dieses paradoxe
Phänomen es einem Lichtteilchen (Photon) unter bestimmten Umständen
mehrere Wege gleichzeitig zu beschreiten.
Vielversprechender Ansatz
Im Gegensatz zum momentan nur in kleinerem Maßstab
realisierbaren universellen Quantencomputer, der es verspricht,
verschiedenste Rechenaufgaben deutlich rascher zu lösen als herkömmliche
Computer, könnten in dem zuletzt sehr aktiven Feld des maschinellen
Lernens schnell Verbesserungen erzielt werden, wenn es gelänge, die
Vorteile der Quantenmechanik zu nutzen. Viele Wissenschafter sehen darin
gewissermaßen "eine Frucht, die man leichter erreichen kann", erklärte
der Letztautor der Studie nun im Fachjournal "Nature" erschienenen
Arbeit, Philip Walther, im Gespräch mit der APA: "Machine Learning ist
einer der ganz großen Hypes gerade."
Die Forscher um Walther von der Universität Wien,
von der Universität Innsbruck und der Österreichischen Akademie der
Wissenschaften (ÖAW) sowie aus den Niederlanden, Deutschland und den USA
arbeiten an einem System, das einerseits selbst nach den Regeln der
Quantenmechanik funktioniert, aber auch über Quantenkanäle mit der
Umwelt verbunden ist. Durch letzteres lässt sich auch das benötigte
Ausmaß an Rückmeldung, ob die Aufgabe richtig gelöst wurde, reduzieren,
so Walther: "Ich habe also einen zweifachen Boost: Einmal weil es selbst
eine Quantenmaschine ist, aber auch, weil es nach außen über
Quantenkanäle kommuniziert."
Lernender "Roboter"
In ihrem System setzten Erstautorin Valeria Saggio
und Kollegen auf Licht. "Wir haben in der Tat einen optischen
Prozessor", sagte Walther. In dem Aufbau können die Forscher einstellen,
welchen Weg das Licht nimmt. Sozusagen als lernender "Roboter" fungierte
hier ein Teil eines optischen Prozessor, das als Aufgabe hatte, für ein
Lichtteilchen den richtigen Weg zum vorgegebenen Ziel zu finden. All das
läuft in einem Chip ab, in dessen erstem Abschnitt das Photon so
präpariert wird, dass es zugleich mehrere Wege entlangfliegen kann. Im
zweiten Schritt wird das Ziel identifiziert. Anschließend lernt der
Roboter durch Rückmeldung und Wiederholen dieses Vorgangs für das
Lichtteilchen immer den richtigen Weg zu wählen. "So konnten wir
praktisch optimieren, dass sich das System merkt, dass es etwa nur den
unteren Weg nehmen soll", erklärte Walther.
Wie erhofft, erzielten die Physiker mit ihrem
Prozess tatsächlich "eine Verbesserung der Lernkurve". Die besten
Ergebnisse erreichten sie in einer Kombination aus Quantensystem und
klassischem Ansatz. Damit wirken die Forscher einer Eigenheit des
Quanten-Suchalgorithmus entgegen, die dazu führt, dass nach längerer
Suchzeit die Ergebnisse wieder weniger passend werden und der Roboter
plötzlich wieder mehr Fehler macht.
Mit dieser Kombination konnten die Physiker
ausschließen, dass sich das System "verläuft", wie es Walther
ausdrückte: "Wir haben nicht nur diese neue Art des Maschinenlernens auf
Quanten-Basis gezeigt. Wir haben auch gezeigt, dass ein schlauer Chip –
wie wir ihn haben – auch weiß, wann er mit dem quantenmechanischen
Prozess aufhört und in den klassischen Modus umschaltet, den er ebenso
gut beherrscht." In der Folge wollen die Wissenschafter ihren nun mit
lediglich einem Lichtteilchen erprobten Aufbau auch für die Verwendung
mehrerer Photonen ausbauen.
(APA, 11.3.2021)
https://www.derstandard.at/story/2000124954449/lernen-in-der-superposition-lohnt-sich-fuer-ki-systeme