Wiener Forscher schlagen neues Konzept für Quantencomputer vor
10. August 2014, 17:53
Neue Architektur aus winzigen Diamanten müsste über Milliarden einzelner
Quantensysteme verfügen, sei aber geeigneter als bisherige Konzepte Wien - Zur Realisierung eines Quantencomputers gibt es verschiedene Konzepte.
Wiener Forscher haben nun eine neue Architektur vorgeschlagen, bei der ein
Quantensystem auf in Diamanten eingeschlossenen Stickstoff-Atomen beruht. Im
Fachjournal "Physical Review X" berichten sie, dass für einen stabilen
Quantencomputer Milliarden solcher Quantensysteme notwendig wären. Der Weg dort
hin sei zwar noch weit, aber nicht unmöglich. Im Gegensatz zum Bit, der kleinsten Informationseinheit in der klassischen
Informationstechnologie, die zwei Zustände (Ja/Nein oder 0/1) einnehmen kann,
dienen beim Quantencomputer Quantenzustände als kleinste Einheit - genannt
Quantenbit (Qubit). Weil dabei die Gesetze der Quantenwelt gelten, kann ein
solcher Quantenzustand verschiedene Schwebezustände - die Wissenschafter
sprechen von "Überlagerungszuständen" - zwischen zwei Möglichkeiten einnehmen.
Mit mehreren Qubits könnte man deshalb bestimmte Probleme wesentlich schneller
lösen als mit einem Digitalrechner. Instabile Quantenüberlagerungen Solche Überlagerungszustände lassen sich in unterschiedlichen Quantensystemen
realisieren: etwa mit Ionen, die man in elektromagnetischen Fallen festhält oder
mit supraleitenden Quanten-Bits. Jörg Schmiedmayer und sein Team vom Vienna
Center für Quantum Science and Technology (VCQ) der Technischen Universität (TU)
Wien haben nun gemeinsam mit japanischen Kollegen eine andere Architektur
vorgeschlagen: In einem hauchdünnen Diamantplättchen wird an mehreren Stellen
jeweils ein einzelnes Stickstoff-Atom eingebaut, dessen Spin verschiedene
Zustände annehmen kann. Jedes Stickstoffatom wird in einem optischen Resonator,
bestehend aus zwei Spiegeln, eingesperrt. Jedes einzelne dieser Systeme aus Spiegeln, Diamant und eingebautem
Stickstoff-Atom kann ein Quanten-Bit an Information tragen - also null, eins,
oder eine beliebige Überlagerung davon. Doch ein solches Quanten-Bit ist extrem
instabil. Damit die Information zuverlässig verarbeitet werden kann, braucht man
spezielle Quantenfehlerkorrektur-Verfahren. Zum Speichern eines Qubits reicht
dann nicht mehr ein solches Quantensystem, notwendig sei vielmehr eine
komplizierte Architektur aus vielen miteinander verbundenen Systemen, erklärt
Michael Trupke von der TU. Rasante technische Evolution Ein Einsatzgebiet für Quantencomputer ist die Primfaktorzerlegung sehr großer
Zahlen etwa in der Kryptographie. Im Jahr 2001 hat IBM mit einem Quantencomputer
mit sieben Qubits die Zahl 15 in die Faktoren 5 und 3 zerlegt. Schmiedmayer und
sein Team haben nun berechnet, dass 4,5 Milliarden solcher aus Stickstoff-Atom,
Diamant und zwei Spiegeln bestehende Quantensysteme notwendig wären, um eine
Zahl mit 616 Stellen zu zerlegen. Nach Angaben der Wissenschafter wäre die große Zahl an Quantensystemen bei allen
Quantencomputer-Konzepten notwendig, egal ob Ionen, Quantenpunkte oder andere
Architekturen verwendet werden. Ein Vorteil des neuen Konzepts sei aber, dass
man im Prinzip wisse, wie man alles verkleinern, integrieren und vervielfachen
kann, so Trupke. Er arbeitet mit seinen Kollegen an der TU bereits daran, eine
kleine Version dieser Architektur experimentell herzustellen. Die hohe Zahl notwendiger Quantensysteme entmutigt die Forscher jedenfalls
nicht. Schmiedmayer erinnert an die Anfänge der Informationstechnologie: "Als
man die ersten Transistoren herstellte, konnte man sich auch noch nicht
vorstellen, wie es je gelingen könnte, Milliarden von ihnen auf einem Chip
unterzubringen - und heute tragen wir solche Chips in der Hosentasche mit uns
herum." (APA/red, derStandard.at, 10.8.2014)
Abstract Physical Review X: "Photonic Architecture for Scalable Quantum Information
Processing in Diamond" http://derstandard.at/2000004111236/Wiener-Forscher-schlagen-neues-Konzept-fuer-Quantencomputer-vor