
Angst vor Starlink: Wie Russland und China
das Satelliteninternet ausschalten wollen
Während Russland Empfangsgeräte mit Artillerie angreifen möchte, testet
Chinas Führung Atomraketen gegen das Satellitennetzwerk
Hundewelpen ruhen sich neben einer Starlink-Schüssel aus. Das Foto
entstand im Oktober nahe der kürzlich befreiten Stadt Lyman.
Foto: STRINGER, Reuters
Wer hat Angst vor Starlink? Der satellitengestützte Internetzugang aus
dem Hause Space X ist zum wesentlichen Faktor auf den Schlachtfeldern
der Ukraine geworden. Die Verteidiger dirigieren dank des
Breitbandzugangs Drohnen, halten während des Gefechts die Kommunikation
aufrecht und können selbst rasch und effizient Zieldaten etwa für die
Artillerie austauschen. So soll Starlink viele Siege der Ukraine über
die russischen Angreifer erst möglich gemacht haben: Wer den Datenstream
auf seiner Seite hat, gewinnt Schlachten.
Doch Starlink hat einen Nachteil: Das Satellitensignal kann theoretisch
geortet werden. Space-X-Chef Elon Musk selbst warnte bereits im März
davor, dass russische Kräfte die Starlink-Antennen lokalisieren und
gezielt aus der Luft angreifen könnte. Ein russisches
Rüstungsunternehmen will nun ein derartiges System entwickelt haben. Die
russische Waffenfabrik Sestroretsk behauptet, ein System entwickelt zu
haben, das in der Lage ist, Starlink-Antennen auf eine Distanz von bis
zu zehn Kilometern orten zu können.
Bärenklau auf "Tigr"-Fahrzeug
Das Borschtschewik genannte System ist nach dem gefährlichen Unkraut
Bärenklau benannt. Es soll in der Lage sein, eine Starlink-Antenne auf
fünf bis 60 Meter genau in einem 180-Grad-Winkel orten zu können.
Außerdem soll das Gerät mobil sein und etwa auf das Dach eines
russischen GAZ-2975-"Tigr"-Geländefahrzeugs passen. Die Stromversorgung
erfolgt über die Batterie des Fahrzeugs. Auf der Herstellerwebsite
werden diverse Einsatzszenarien erklärt. So soll etwa im urbanen Gebiet
ein mit dem Borschtschewik ausgestatteter "Tigr" die Starlink-Schüssel
orten und die Daten an die Artillerie weitergeben, die daraufhin das
Ziel zerstören soll.
Ob das System überhaupt effektiv gegen Starlink-Dishes eingesetzt werden
kann, ist noch unklar. Die Vorstellung des Borschtschewik erfolgte über
den in Russland populären Telegram-Kanal "Die andere Seite der
Medaille", einen Channel, der dem russischen Militär sowie den Söldnern
der Wagner-Gruppe nahestehen dürfte. Laut einem kürzlich
veröffentlichten Video soll Borschtschewik schon bald an den Frontlinien
der Ukraine getestet werden.
Weltraumwaffen gegen Satelliten
Russland hat bereits in der Vergangenheit "Vergeltung" wegen des
Einsatzes von "Weltraumtechnologien" in der Ukraine angekündigt, gemeint
dürfte Starlink gewesen sein. Die russische Armee versucht seit dem
Kriegsausbruch, gegen den Einsatz von Starlink vorzugehen. Dass Russland
über die Möglichkeiten verfügt, hat Putins Reich im November des
Vorjahres bewiesen. Die russischen Streitkräfte lenkten eine Rakete in
einen stillgelegten russischen Satelliten – und zerstörte damit den
künstlichen Himmelskörper völlig. Die Besatzung der ISS musste aufgrund
der umherfliegenden Trümmer in ihren Landekapseln in Deckung gehen.
Dass Russland aber sämtliche Starlink-Satelliten mit Raketen aus dem
Orbit schießt, scheint ein aussichtsloses Unterfangen zu sein: Aktuell
sind 3.275 Satelliten der Mutterfirma Space X im Erdorbit. Laut
russischen Medienberichten wären mindestens 4.000 Raketen erforderlich,
und selbst diese Zahl wird in Militärkreisen angezweifelt – es gilt als
unwahrscheinlich, das Russland tatsächlich über derartige Kapazitäten
verfügt.
Auch in China wächst die Sorge, dass Starlink einen erheblichen Vorteil
für westliche Streitkräfte darstellen könnte. Tatsächlich wird Starlink
mittlerweile als Gefahr für die nationale Sicherheit Chinas eingestuft.
Deshalb arbeitet die chinesische Volksbefreiungsarmee ebenfalls an
Antisatellitenwaffen. Erst Ende Oktober simulierte ein
Forschungsinstitut der chinesischen Streitkräfte einen atomaren Angriff
auf das Satellitennetzwerk. In der Computersimulation wurde eine
Zehn-Megatonnen-Bombe in einer Höhe von 80 Kilometern gezündet. Die
dadurch entstehende radioaktive Trümmerwolke soll sich über eine Fläche
von über 140.000 Quadratkilometer ausbreiten und Satelliten und
Raumfahrzeuge lahmlegen, wie die "South China Morning Post" berichtet.
10.000 zusätzliche Terminals für die Ukraine
Während in Russland und China also an Maßnahmen gegen das
Satellitennetzwerk gearbeitet wird, setzt die Ukraine in der Abwehr der
russische Invasion weiter auf Starlink. So berichtet der
stellvertretende Regierungschef und Digitalisierungsminister Mychajlo
Fedorow, dass dank der Unterstützung von mehreren europäischen Staaten
die Finanzierung für weitere 10.000 Starlink-Terminals gesichert werden
konnte.
Die Ukraine erhielt laut Firmenchef Elon Musk zu Beginn der russischen
Invasion rund 20.000 Starlink-Terminals. Im Oktober wurde bekannt, dass
es zwischen Space X und der Ukraine kein Abkommen über die Bezahlung der
Terminals gab, weshalb Musk erklärte, das Unternehmen könne Starlink
nicht länger kostenlos zur Verfügung stellen. Musk forderte das
US-Verteidigungsministerium auf, die Finanzierung zu übernehmen.
Welche europäischen Länder bei der Finanzierung der 10.000
Empfangsgeräte geholfen haben, legte Fedorow nicht offen. "Wir sind
bereit, einen Monat lang ohne Strom zu leben, wobei zumindest ein
Mobilfunknetz und Textnachrichten verfügbar sind", sagte Fedorow
gegenüber Bloomberg und bezog sich damit auf Russlands Angriffe auf die
Energieinfrastruktur der Ukraine. "In Bezug auf das Internet haben wir
viele Starlinks, aber der entscheidende Punkt ist, dass wir eine Zusage
für eine weitere Sendung erhalten haben, die zur Stabilisierung der
Verbindung in kritischen Situationen verwendet wird", sagte er. Und:
"Musk hat uns versichert, dass er die Ukraine weiterhin unterstützen
wird." (Peter Zellinger, 22.12.2022)
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