
Hackerangriffe auf Satelliten & Co: Mythos vs. Realität
So könnte eine reale Weltraum-Cyberbedrohung aussehen.
Es ist kein Geheimnis, dass Fantasy-Autoren
ein Faible dafür haben, Asteroiden oder andere astronomische Kleinkörper
auf Kollisionskurs mit der Erde zu schicken. Aber der Film Moonfall, der
am 10. Februar in den deutschen Kinos erscheint, basiert nicht auf einer
Naturkatastrophe, sondern handelt von einer künstlichen,
technologiebasierten Bedrohung. Eventuell stolpern Sie in diesem
Weltraum-Thriller sogar über den Namen Kaspersky im Zusammenhang mit den
zum Einsatz kommenden Schutztechnologien.
Keine Sorge – wir möchten in diesem Beitrag
keine Filmdetails spoilern. Wir sind viel mehr daran interessiert, einen
Blick darauf zu werfen, wie eine reale Weltraum-Cyberbedrohung aussehen
könnte. Wir müssen zugeben: Fantasy-Autoren haben das Konzept einer
solchen Bedrohung längst verstanden: In ihren Werken wehren die
Hauptfiguren Projektile mit ihren heimischen Laptops ab, hacken mit
einem einzigen Befehl ein gesamtes Kontrollzentrum und vernichten im
selben Atemzug eine ganze Drohnen-Armee oder schaffen es in letzter
Sekunde den Code für eine andockende Luftschleuse zu knacken, während
sie ihren Kollegen noch wenige Augenblicke zuvor zugerufen haben: „Alles
klar, jetzt müssen wir nur noch die richtige Kombination aus 600
Milliarden möglichen Code-Kombinationen finden“.
Aliens, die in Form von Funksignalen in die
Weltraumforschungsgeräte der Erdlinge eindringen, von dort aus das
Internet und die mit ihm verbundenen Menschen kapern, stehen bei
Drehbuchautoren übrigens auch sehr hoch im Kurs. Ziemlich beeindruckend,
nicht wahr?
Obwohl wir im Hier und Jetzt noch keine
Zeugen von groß angelegten, erfolgreichen Cyberangriffen auf die
Weltraumtechnologie geworden sind, werden ab und an argwöhnische Stimmen
laut, die diese Aussage infrage stellen. So haben
Verschwörungstheoretiker Hacker beispielsweise für die jüngsten
fehlgeschlagenen Starts russischer Sonden zum Mars verantwortlich
gemacht. Hinter dieser Annahme steckt eine gewisse Logik: Immerhin
gelang der sowjetischen Raumsonde Mars-3 bereits 1971 die erste
Marslandung, die dort sogar den ersten Mars-Rover absetzte. Man könnte
also meinen, dass es Sonden-technisch von da an nur noch bergauf gehen
konnte. Stattdessen ging die Raumsonde Mars-96 mit vier Landesonden ein
Vierteljahrhundert später, im Jahr 1996, kurz nach dem Start in Flammen
auf. Ein weiterer Misserfolg ereignete sich 2011, als die erste
chinesische Sonde Yinghuo-1 als Huckepacknutzlast der russischen
Marssonde ihren Untergang erlebte.
In den offiziellen Stellungnahmen zu diesen
Unfällen wurde von „Hackern“ selbstverständlich nichts erwähnt. Aber
wenn Sie dieses Interview mit dem ehemaligen Generaldirektor der
Lavochkin Research and Production Association lesen, wird deutlich, dass
es große Sicherheitsprobleme gab und die Hardware der Mars-Raumfahrzeuge
vor dem Start leicht hätte sabotiert werden können.
Vor dem Hintergrund solcher Geschichten
hielten meine Kollegen und ich vor einigen Jahren ein Weltraum-Panel auf
einer Cybersicherheitskonferenz ab. Im Großen und Ganzen waren die
Vorträge sehr interessant, doch die Weltraumexperten holten uns in
Sachen Cyberangriffe schnell auf den Boden der Tatsachen zurück, als sie
uns klar machten, dass traditionelle Hacking-Konzepte nicht mit
Weltraumkontrollsystemen funktionieren. Dem klassischen Ansatz zufolge
würden Hacker einen öffentlich verfügbaren Controller kaufen, die
Firmware des Herstellers herunterladen, diese untersuchen und das
eigentliche System dann unter Ausnutzung der gefundenen Schwachstellen
angreifen. Doch die Weltraumtechnologie ist raffiniert einzigartig, so
dass es Jahre bräuchte, ein bereits existierendes System bis ins
kleinste Detail zu untersuchen.
Das bedeutet, dass die größten Schwachstellen
nicht im All auf uns warten, sondern im Hier und Jetzt – nämlich auf der
Erde. Weltraum-Thriller sind folglich eher in das Genre „Komödie“
einzuordnen. Denn angenommen, Sie erhalten geheime Daten von einem
Satelliten und müssen diese an einen Kunden übertragen. Wie würden Sie
das tun? Über das 08/15 Internet mit all seinen Leaks? Und wenn nicht
so, wie dann? Per Bote mit kugelsicherer Aktentasche?
Es folgt eine weitere irdische Geschichte.
Anfang September 2018 evakuierten FBI-Agenten das Sunspot Solar
Observatory in New Mexico und schlossen es für über eine Woche. Steckten
etwa außerirdische Wesen dahinter? Schließlich beginnen so Robert
Charles Wilsons Fantasy-Roman „Blind Lake“ und Ondřej Neffs
Kurzgeschichte „White Cane 7.62“. Aber nein, es gab eine viel einfachere
Erklärung: Ein Hausmeister des Observatoriums hatte das WLAN der
Einrichtung zum Download von Kinderpornografie missbraucht.
All das bedeutet übrigens nicht, dass wir das
Thema Cybersicherheit im Weltraum auf die leichte Schulter nehmen und
über diese albernen Weltraumfilme lachen sollten. Tatsächlich hat sich
in den letzten Jahren viel verändert. In den neuen Raumfahrtsystemen
weicht analoge Hardware mit ihren einzigartigen Technologien zunehmend
standardisierten digitalen Lösungen namhafter Hersteller. Das ist nicht
überraschend – schließlich sind es IT-Giganten, die vorgeben, die
Weltraumführer des 21. Jahrhunderts zu sein.
Beweisstück A ist SpaceX, unterstützt von
keinem geringeren als Elon Musk, einem der Gründer von PayPal. Ein
weiteres Unternehmen, das derzeit noch suborbitale Raumfahrzeuge baut,
ist Blue Origin, stammend aus der Feder von Amazon-Gründer Jeff Bezos.
Dann gab es da noch SpaceShipOne, das von Paul Allen finanziert wurde,
der zusammen mit Bill Gates Microsoft gründete. Aus SpaceShipOne wurde
später übrigens Richard Bransons SpaceShipTwo. Google versucht
ebenfalls, mit seinem Rover-Wettbewerb Lunar XPRIZE im neuen
Weltraumrennen mitzuhalten. Schließlich hat sich Mark Zuckerberg, der
keiner weiteren Vorstellung bedarf, mit Yuri Milner – dem Gründer von
Mail.ru und dem Risikokapitalfonds DST Global – zusammengetan, um das
interstellare Sondenprojekt Breakthrough Starshot ins Leben zu rufen. Im
nächsten Jahrzehnt soll Starshot zum erdnächsten Exoplaneten, Proxima
Centauri b, Kurs aufnehmen.
Doch offensichtlich bringt die Übertragung
der heutigen IT-Industrie in den Weltraum auch all ihre aktuellen
Probleme mit sich, vom Agile-Kult bis hin zu Hacker-Kriegen.
Dies betrifft in erster Linie
Kommunikationssatelliten. So hatte beispielsweise die brasilianische
Mafia die grandiose Idee, US-Militärsatelliten zu ihren Gunsten
einzusetzen. Sie fand nämlich heraus, dass es lediglich eine relativ
einfache Antenne benötigte, um qualitativ hochwertige, kostenlose und
anonyme Informationen abzufangen.
Auch die physische Unzugänglichkeit der
Satelliten ist für Cyberkriminelle ein willkommenes Feature. Stellen Sie
sich eine Hackergruppe vor, die mit Botnets operiert. Um einen Angriff
durchkreuzen zu können, müssten die Strafverfolgungsbehörden
normalerweise die Adresse des C&C-Centers ausfindig machen und dann zum
Anbieter gehen, um den betreffenden Server zu beschlagnahmen. Aber wie
beschlagnahmt man einen Server, wenn er sich physisch irgendwo tief im
Dschungel befindet und seine Adresse im Weltraum zu lokalisieren ist?
Richtig, nämlich gar nicht. Aus diesem Grund nutzen APT-Gruppen wie
Turla erfolgreich gehackte Satellitenverbindungen für ihre Aktivitäten.
Und es ist durchaus möglich, dass der Start
der neuen erdnahen Satellitenkonstellationen OneWeb, Starlink und Sfera
Hackern positiv in die Hände spielt. Sicherheitsexperten entdecken bei
diesen Weltraumprojekten bereits die gleichen Probleme, die der
terrestrischen IT-Industrie seit langem bekannt sind. Die Hersteller
versuchen, die Kosten so weit wie möglich zu senken, und verwenden daher
zum Aufbau und zur Wartung großer Satellitenkonstellationen billige,
weit verbreitete Komponenten. Viele dieser Komponenten werden nicht auf
Schwachstellen untersucht, da dies auch mehr Kosten bedeuten würde.
Gleichzeitig können Angreifer diese Komponenten auf der Erde leicht
finden und die für Angriffe notwendigen Schwachstellen identifizieren.
Darüber hinaus gibt es noch keine staatlichen Standards zur
Cybersicherheit von Satelliten.
Abschließend möchte ich noch ein weiteres
Szenario für diejenigen beschreiben, die normalerweise denken: „Was geht
mich das an? Ich habe weder Millionen von US-Dollar auf dem Konto, noch
verfüge ich über irgendwelche Server, die gehackt werden könnten.“ Wenn
auch Sie zu dieser Gruppe von Menschen gehören, kann ich Ihnen den
russischen Fantasy-Film Atraction 2: Invasion, der einen sehr
realistischen Angriff auf Menschen wie Sie und mich darstellt, nur ans
Herz legen. In dem Fantasy-Streifen eignet sich Künstliche Intelligenz
aus dem All die Stimmen der Erdbewohner an, was diese in eine Armee
gehorsamer Zombies verwandelt.
Aliens & Co. außen vor, weist dieser Angriff
bekannte Komponenten auf: moderne Methoden des Telefonbetrugs kombiniert
mit einer detaillierteren Erfassung persönlicher Daten (ja, das passiert
bereits), Sprachsimulation (auch das gibt es schon) und Angriffe auf
Satelliten, um Telekommunikationssysteme zu hacken, was ebenfalls alles
andere als unmöglich ist.
Kurzum: Wähnen Sie sich nicht in trügerischer
Sicherheit und aktualisieren Sie Ihr Weltraum-Antivirus so schnell wie
möglich.
https://www.kaspersky.de/blog/cybersecurity-in-outer-space/28074/?reseller=de_regular-sm_acq_ona_smm__all_b2c_twi_lnk_______&utm_source=twitter&utm_medium=social&utm_campaign=dach_kdaily_mr0089&utm_content=sm-post&utm_term=dach_twitter_organic_0wqjyqosdoa89cc