
IRIS -EU Aufbau eines eigenen Satellitenprogrammes
TELEKOMMUNIKATION
EU-Rat stimmt Aufbau eines eigenen Satellitenprogramms zu
Das Netzwerk aus 170 Satelliten soll eine Alternative zu Starlink sein
und zusätzliche Ausfall- und Datensicherheit bieten
Lisa Haberkorn
10. März 2023, 06:00
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Bis 2027 soll ein Netzwerk aus 170 Satelliten eine EU-eigene Alternative
zu Starlink bieten.
Foto: REUTERS, NASA
Bereits im Februar 2022 kündigte die Europäische Kommission Überlegungen
zum Bau eines eigenen Satellitennetzwerks an, um langfristig die
Unabhängigkeit von anderen Anbietern zu sichern. Nachdem die Pläne Ende
letzten Jahres konkreter wurden, hat der Ministerrat letzten Dienstag
eine Verordnung über das "Programm für sichere Konnektivität"
angenommen. Damit ist ein wichtiger Grundstein für den Aufbau eines
EU-eigenen Netzwerks für Breitband-Internet gelegt.
170 Satelliten bis 2027
IRIS2 (Kurzform für "Infrastruktur für Resilienz, Interkonnektivität und
Sicherheit per Satellit") soll das Netzwerk heißen und eine Alternative
zu kommerziellen Systemen wie Elon Musks Starlink oder One Web bieten.
Eine Konstellation aus 170 Satelliten, die sich in niedriger
Erdumlaufbahn (das entspricht in etwa einer Höhe von 500 bis 600
Kilometern) bewegen, soll "hochsichere Kommunikationsdienste" mit
geringer Verzögerung ermöglichen, berichtet das Nachrichtenportal
"Heise". Sechs Milliarden Euro soll das Programm kosten, wobei 2,4
Milliarden von der EU beigesteuert werden. Die verbleibenden 3,6
Milliarden Euro sollen aus dem privaten Sektor stammen. Bereits 2027
soll das Netzwerk einsatzbereit sein.
Nutzen für Regierungen und Zivilbevölkerung
"Die Satellitenkommunikation ist sowohl für Regierungen als auch für die
Zivilgesellschaft von strategischer Bedeutung", heißt es auf der Seite
des Europäischen Parlaments. Sie sei eine Ergänzung terrestrischer
Netzwerke und würde eine "nahtlose Kommunikation" auch dann ermöglichen,
"wenn terrestrische Netze fehlen oder von Störungen betroffen" seien.
Beispiele für derartige Störungen sind unter anderem Naturkatastrophen,
aber auch Terrorismus und Cyberangriffe. "Derzeit fehlt es der EU noch
an spezieller Infrastruktur für solche satellitengestützten Dienste.
Durch den Vorschlag würde es der Union ermöglicht, eine private
Partnerschaft für die Planung und Errichtung der Infrastruktur
einzugehen", beschreibt das EU-Parlament die Vorteile der Verordnung.
Sichere Verbindung – von der Arktis bis Afrika
Das EU-Programm für sichere Konnektivität soll nicht nur einen
erschwinglichen Internetzugang in ganz Europa ermöglichen, sondern auch
eine sichere Konnektivität zwischen geografischen Gebieten von
strategischem Interesse wie der Arktis und Afrika bieten, wird in einer
Pressemitteilung erläutert. Weiters gehe es darum, die Resilienz der EU
und ihre strategische Unabhängigkeit – im Weltraum und auf der Erde – zu
sichern.
Wie sicher ist das geplante System?
Das Schlagwort "Sicherheit" bezieht sich einerseits auf die erwähnte
Ausfallsicherheit, wenn terrestrische Systeme beispielsweise durch
Umweltkatastrophen oder Krieg unterbrochen würden, erklärte Wilfried
Gappmair, Professor am Institut für Kommunikationsnetze und
Satellitenkommunikation der TU Graz, gegenüber ORF.at. Andererseits wäre
damit aber auch Datensicherheit gemeint, die mithilfe von
Quantenkryptografie ermöglicht werden könnte. Die Forschung des
Nobelpreisträgers Anton Zeilinger ist hier ein nennenswerter Trumpf im
Ärmel der EU, so Gappmair.
Bei der Quantenkryptografie kommen Elementarteilchen und Photonen zum
Einsatz, mit denen ein unknackbares Verschlüsselungssystem erschaffen
wird. Das liegt daran, dass der Quantenstatus eines Systems nicht
messbar ist, ohne es dabei zu beeinflussen. Dadurch können
beispielsweise Abhör- und Manipulationsversuche nicht unentdeckt
bleiben.
Spionage-Frühwarnsystem?
Seitdem im Februar ein chinesischer Beobachtungsballon diplomatische
Spannungen zwischen den USA und China auslöste, ist das Thema Spionage
umso präsenter. Da Satellitenkommunikationsdienste wie IRIS2 ihr Umfeld
ständig beobachten müssen, um Störungen zu vermeiden, können künftig
unidentifizierte Flugobjekte festgestellt und identifiziert werden. Eine
derartige Früherkennung möglicher Spionageversuche wäre also ein
willkommener Nebeneffekt des geplanten Netzwerks. (Lisa Haberkorn,
10.3.2023)
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Links
Mitteilung des EU-Parlaments, 08.03.2023
Pressemitteilung, EU-Rat, 07.03.2023
https://www.derstandard.de/story/2000144334141/eu-rat-stimmt-aufbau-eines-eigenen-satelliten-programms-zu