
Schwere Sicherheitslücke ermöglicht Abhören von Telefongesprächen bei einem Drittel aller Smartphones
Schwere Sicherheitslücke ermöglicht Abhören
von Telefongesprächen bei einem Drittel aller Smartphones
Sicherheitsforscher warnen vor einem groben
Problem in Modems von Qualcomm – allerdings ist unklar, auf wie vielen
Geräten der Fehler bereits beseitigt wurde
Betroffen sind vor allem Android-Smartphones,
der Fehler liegt aber genau genommen in einem anderen System.
Grafik: Google
Welches Betriebssystem läuft auf Ihrem
Smartphone? Android? iOS? Oder gar etwas ganz anderes wie Sailfish OS
oder Ubuntu Phone? Egal wie die Antwort ausfällt, sie ist nur
unvollständig. Denn was den meisten wohl nicht bewusst sein dürfte:
Parallel dazu sind auf so einem Gerät nämlich noch einige andere,
komplett unabhängige Systeme im Einsatz. Eine aktuelle Sicherheitslücke
ruft diesen Umstand nun in Erinnerung, und sie zeigt auch, wie groß die
Gefahr ist, wenn an dieser Stelle ein Fehler gefunden wird – betrifft er
doch schnell einmal eine sehr große Anzahl an Geräten.
Das Modem
Die Sicherheitsforscher von Check Point warnen
vor einer gravierenden Lücke im "Mobile Station Modem" (MSM) von
Qualcomm – also dem sogenannten Baseband-Prozessor des Unternehmens.
Über diese könnten Angreifer theoretisch Telefongespräche der Nutzer
abhören, die Anrufliste einsehen oder auch SMS mitlesen. Die Zahl der
durch die Lücke potenziell gefährdeten Smartphones ist riesig, immerhin
wird weltweit rund ein Drittel aller Smartphones mit Modems von Qualcomm
geliefert – vor allem Geräte mit Android.
Der Baseband-Prozessor wird für die
grundlegende Kommunikation mit einem Mobilfunknetz genutzt. Auf diesem
läuft typischerweise ein komplett eigenes Betriebssystem, im Falle von
Qualcomm heißt dieses QuRT. Der konkrete Fehler liegt allerdings in der
QMI-Schnittstelle nach außen. Der Zugriff darauf ist unter Android zwar
generell beschränkt, es gibt aber trotzdem einige Dienste, die den
Fehler ausnutzen könnten, betonen die Sicherheitsforscher – etwa
Multimedia-Services.
Was noch verschärfend dazukommt: Bei all
diesen Komponenten handelt es sich um proprietäre Software, im Gegensatz
zu Android selbst ist hier der Code also nicht öffentlich verfügbar, was
unabhängige Prüfungen erschwert. Generell hat sich zuletzt ein klarer
Trend gezeigt, dass die wirklich schweren Lücken, von denen
Android-Smartphones betroffen sind, vor allem in diesen nicht offenen
Komponenten der diversen Chiphersteller zu finden sind. Auch weil diese
typischerweise weniger gut überprüft, aber auch strukturell schlechter
abgesichert sind als Android selbst.
Immer wieder Kritik
Qualcomm ist dabei ein Unternehmen, das in
dieser Hinsicht bereits öfters in die Kritik gekommen ist. So hatte
Checkpoint im Vorjahr bereits ganze 400 sicherheitskritische Lücken im
Digitalen Signalprozessor (DSP) von Qualcomm gefunden, der unter anderem
für die Beschleunigung der Bildaufnahme, aber auch für
Schnellladeaufgaben zum Einsatz kommt. Damals wurden die Fehler über ein
simples "Fuzzing" aufgespürt, bei dem ein Stück Software mit zufälligen
Eingaben konfrontiert wird, um zu sehen, wie es reagiert. Eigentlich
gehört Fuzzing mittlerweile zu den Standard-Tools, mit denen
Softwarehersteller gerade sicherheitskritische Komponenten regelmäßig
testen. Die hohe Anzahl an damals bei Qualcomm gefundenen Lücken legte
aber nahe, dass dies bei dem Unternehmen zumindest damals noch nicht der
Fall war.
Bevor sich iPhone-Nutzer jetzt allzu sicher
fühlen: Während die aktuelle Problematik sie offenbar tatsächlich nicht
berührt, stellt sich das generelle Problem mit solch integrierten
Drittsystemen aber auch hier. So steht es um die Sicherheit der
Bluetooth-Systeme, die ebenfalls mit eigener Firmware laufen, kaum
besser. Und hier kauft auch Apple bei anderen Herstellern zu. Dies hat
in der Vergangenheit auch immer wieder dazu geführt, dass entsprechende
Lücken sowohl Android-Smartphones als auch iPhones betrafen.
Offene Fragen
So unerfreulich der aktuelle Vorfall auch sein
mag, er lässt derzeit noch viele Fragen offen. Vor allem jene danach,
wie viele Smartphones derzeit wirklich akut gefährdet sind. So spricht
Qualcomm in einer Stellungnahme davon, dass man entsprechende Updates
bereit Ende 2020 an die eigenen Partner geschickt hat. Ob diese
aufgenommen wurden – und wenn ja, von welchen Anbietern –, ist bislang
aber unklar. In den offiziellen Security-Bulletins von Firmen wie
Google, Samsung und Co findet sich bisher jedenfalls keine Referenz auf
den von Checkpoint gemeldeten Fehler (CVE-2020-11292). Das heißt aber
auch wieder nicht zwingenderweise, dass der Fehler noch offen steht. In
einzelnen Fällen werden diese Hinweise nämlich erst verspätet
nachgetragen, etwa um durch eine Veröffentlichung die Gefährdungslage
nicht zu erhöhen. Gleichzeitig ist bekannt, dass solche
Fehlerbereinigungen im Baseband oft lange brauchen, um in den Updates
der einzelnen Hersteller zu landen.
Wirkliche Klarheit wird es also erst in
einigen Wochen geben: Laut Qualcomm soll die Lücke nämlich im Android
Security Bulletin für den Juni 2021 referenziert werden. Damit müssen
dann sämtliche Hersteller die Fehlerbereinigung aufnehmen, wenn sie den
kommenden Sicherheits-Patch-Level ausweisen wollen. Doch auch hier
besteht noch eine gewisse Unsicherheit, gibt es bei Android doch jeden
Monat zwei Patch-Level. Einen mit Datum 1. des Monats und einen mit
Datum 5. des Monats. Doch nur der zweite garantiert, dass auch all die
aktuellen Fehlerbereinigungen in den proprietären Komponenten von Firmen
wie Qualcomm integriert sind. Leider beschränken sich aber fast alle
Hersteller – jenseits von Google selbst – auf die schwächere Ausführung
des Patch-Levels. Erst mit dem Juli-Update sind dann alle
Fehlerbereinigungen – also auch die in solch externen Komponenten –
integriert.
Es ist sehr kompliziert und sehr unerfreulich
Wer wirklich sicher sein will, dass der Fehler
auf dem eigenen Smartphone behoben wurde, wird sich in vielen Fällen
also noch bis Anfang Juli gedulden müssen. All das natürlich
vorausgesetzt, dass der Hersteller des eigenen Smartphones überhaupt
zeitnah Updates liefert – oder überhaupt noch. Ist Letzteres der Fall,
dann muss man sich damit abfinden, dass die betreffende Sicherheitslücke
– samt vieler anderer, die monatlich in diesen Bestandteilen gemeldet
werden – offen bleibt. Daran ändert übrigens auch ein Wechsel auf eine
alternative Android-Firmware nichts. Denn diese kann eben nur Android
ersetzen, nicht aber die Baseband-Software. (Andreas Proschofsky,
10.5.2021)
https://www.derstandard.at/story/2000126522723/schwere-sicherheitsluecke-ermoeglicht-abhoeren-von-telefongespraechen-bei-einem-drittel-aller